Führen, ohne alles auflösen zu können oder zu müssen

In einer Welt voller Widersprüche und Unsicherheiten steht Führung vor einem Paradox: Wie kann man Sicherheit geben, ohne selbst die Lösung zu kennen?

Die Antwort liegt nicht in perfekten Antworten oder dem Verstecken der Ahnungslosigkeit, sondern in der Fähigkeit, mit Ungewissheit umzugehen und trotzdem handlungsfähig zu bleiben.

Warum Führung heute anders funktioniert

Der Mythos des allwissenden Chefs ist überholt. Früher galt häufig: Der Vorgesetzte – mehr oder minder liebevoll auch einfach Chef genannt – hat die Antworten.

Die Lösung des Problems war die simple Delegation der Ausführung an andere.

Doch in komplexen Systemen ist das unmöglich. Märkte, Technologien und Kundenerwartungen ändern sich schneller, als Strategien angepasst werden können. Lösungen entstehen zudem an den Schnittstellen, der Chef weiß es also gar nicht mehr besser.

Kontrolle ist eine Illusion, Klarheit nicht

Führung bedeutet nicht alles zu wissen, sondern:

  • Aufgabe und Rahmen klar definieren (Was soll erreicht werden? Welche Regeln gelten?)
  • Psychologische Sicherheit schaffen (Teammitglieder müssen das Gefühl haben, sich frei äußern zu dürfen)
  • Struktur für Problemlösung vorgeben (Wer entscheidet? Wie wird experimentiert?)

Irrtümer sind die Grundlage von Lernen und keine Fehler

Der entscheidende Unterschied: Irrtümer entstehen durch das Ausprobieren von Annahmen.

Sie sind notwendig, damit Teams und Unternehmen lernen können. Wenn das relevante Wissen fehlt, weil das Problem noch nie gelöst wurde, dann ist Scheitern nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Die Möglichkeit, beim experimentellen Ausprobieren von Lösungsansätzen würdevoll scheitern zu können, ist dabei essentiell.

Die Ambivalenz der modernen Führung

Führungskräfte bewegen sich in einem Spannungsfeld: Sie haben einerseits keine Sicherheit bezüglich der Lösung und dürfen diesen Umstand auch nicht verheimlichen.

Andererseits ist es ihre Aufgabe, Sicherheit und damit Handlungsfähigkeit zu erzeugen. Wie das geht?

Durch Klarheit bezüglich der Ziele, der Aufgaben, der Struktur und der Rahmenbedingungen.

Statt vorzugeben, was vermeintlich die Lösung ist, beschreibt man das Problem klar und bittet um Hilfe bei der Lösung. Vereinfacht könnte man das so formulieren:

„Wir wissen auch nicht genau, was kommt – aber wir haben die besten Leute, um es herauszufinden. Hier sind unsere Ziele, hier sind die Spielregeln und hier ist der Rahmen, innerhalb dessen ihr euch frei bewegen könnt, um zu experimentieren und eine Lösung zu finden.“

Das Ergebnis? Teams können eigene Lösungen entwickeln – ohne auf „Anweisungen von oben“ zu warten.

Oder anders gesagt:

Initiative und Innovation sind tatsächlich möglich und nicht nur ein wirkungsloser Appell des Vorgesetzten oder ein Wort auf einem Unternehmens-Werte-Poster.