Warum Kulturdebatten ohne Machtanalyse ins Leere laufen
Wenn über Unternehmenskultur gesprochen wird, geht es meist um Werte, Haltung und gewünschtes Verhalten. Um Offenheit, Verantwortung, Augenhöhe.
Was dabei auffällig fehlt, ist fast immer das Thema Macht. Dabei ist Macht kein Randphänomen von Organisationen. Sie ist ihr strukturierendes Grundprinzip.
Macht entscheidet darüber, wer Themen setzen darf, wer Entscheidungen trifft oder verhindert und wessen Irrtümer folgenlos bleiben. Natürlich auch wessen Irrtümer dieses Privileg nicht zusteht.
Kulturdebatten, die diese Dimension ausblenden, bleiben zwangsläufig wirkungslos.
Denn sie adressieren Verhalten, ohne den Kontext zu verändern, in dem dieses Verhalten entsteht.
In vielen Organisationen zeigt sich ein typischer Widerspruch:
Explizit wird Beteiligung eingefordert.
Implizit wirkt weiterhin eine machtgestützte Entscheidungslogik.
Menschen sollen offen sprechen, lernen aber sehr schnell, wann Offenheit karriereschädlich ist. Sie sollen Verantwortung übernehmen, erleben aber, dass Entscheidungsmacht und Haftung nicht zusammenfallen.
Dieses Spannungsfeld entsteht nicht durch „falsches Mindset“ der Mitarbeitenden. Es entsteht dort, wo Macht wirksam ist, aber nicht reflektiert wird.
Gerade die Mächtigen unterschätzen häufig ihre eigene Wirkung. Nicht aus Bosheit, sondern aus Gewöhnung.
- Was für sie eine beiläufige Bemerkung ist, ist für andere eine Richtungsentscheidung.
- Was sie als Einladung meinen, wird als Erwartung verstanden.
- Was sie offen lassen, wird vorsorglich abgesichert.
Macht wirkt vor allem implizit und genau deshalb ist sie so selten Gegenstand von Reflexion.
Menschen passen sich nicht an, weil sie konfliktscheu oder unreif wären. Sie passen sich an, weil der machtgestützte Kontext es nahelegt.
„Behalten Sie Ihr offenes Auge und sagen Sie was Ihnen auffällt – werden Sie bloß nicht betriebsblind!“
Ein Beispiel, für etwas, dass mir persönlich vor vielen Jahren explizit als Auftrag erteilt wurde. Über mein offenes Ansprechen schädlicher machtbasierter Muster gab es dann jedoch Beschwerden, zuletzt sogar Sanktionen über ausbleibende Lohnerhöhungen.
Der Kontext formt das Verhalten, schlicht weil er in Organisationen wirksamer ist als das individuelle Verhalten. Die gut gemeinte, aber widersprüchliche Ansprache bleibt wirkungslos.
Solange Organisationen Kultur verändern wollen, ohne die Wirkung unreflektierter Macht mitzudenken, produzieren sie genau jene Anpassung, über die sie sich später verwundert beschweren: Es wären die „falschen“ Leute, nicht engagiert, nicht innovativ, nicht eigenständig, …
Echte Veränderung beginnt dort, wo Macht nicht nur ausgeübt sondern auch wahrgenommen, reflektiert und bewusst kulturstiftend eingesetzt wird.
Alles andere bleibt wirkungslose Rhetorik – oder wie ich es gerne nenne: Businesstheater
